„Mut sollte uns leiten.“

Florian Hermle, seit 2010 Geschäftsführer von Balluff, im Interview über globale Zusammenarbeit, Agilität und die Bereitschaft, Risiken einzugehen.

Herr Hermle, vor etwa zehn Jahren haben Sie gemeinsam mit Ihrer Schwester Balluff als Geschäftsführer übernommen. Auf was sind Sie besonders stolz?

Wenn man die vergangenen zehn Jahre als Ganzes betrachtet, bin ich besonders auf das Wachstum stolz, das wir gemeinsam erreicht haben. Wir haben das Unternehmen von einem Mittelständler zu einem globalen Unternehmen entwickelt.

Was ist die größte Veränderung, die Sie angestoßen haben?

Ganz klar unser Fokus auf die Verbindung von Hardware und Software und unser Engagement für die Digitalisierung unserer Kunden und im Industrial Internet of Things (IIoT). Zudem sind wir globaler aufgestellt. Die einzelnen Regionen haben mehr Verantwortung, Entscheidungen werden global getroffen.

Sie haben ja einige Jahre in den USA gelebt. Hat Ihnen das geholfen, diese Themen voranzutreiben?

Für das Thema Agilität habe ich aus den USA viel mitgenommen. Die „Figure-It-Out-Mentalität“, die man in den USA viel stärker lebt als hier in Deutschland, hilft dabei, neue Themen offener anzugehen. Hierzulande wägt man viel stärker ab und setzt etwas vielleicht erst gar nicht um, wenn man nicht schon gleich zu Beginn einen durchdachten Plan hat. Zudem hat es mir geholfen, eine globalere Perspektive einzunehmen, denn die ist gravierend anders, wenn man aus einem Tochterunternehmen ins Headquarter nach Neuhausen schaut.

Wie stärken Sie die Aufstellung als globales Unternehmen?

Wir haben seit vergangenem Jahr die erste globale Rolle definiert: Unser weltweiter Leiter Quality Herr Ákos Takács sitzt in Ungarn. Im digitalen Zeitalter werden Distanzen auf einen Klick reduziert. Wir haben unser Unternehmen in den einzelnen Regionen stärker aufgestellt. Das erhöht die Transparenz für uns als Unternehmensführung, da wir stärker im Austausch stehen. Zudem sind wir überzeugt, dass sich auch die Qualität der Entscheidungen verbessert, da wir die Dinge durch eine globale Brille betrachten.

„Im digitalen Zeitalter werden Distanzen auf einen Klick reduziert.“

Florian Hermle, Geschäftsführer Balluff

Wie werden neue Lösungen bei Balluff derzeit entwickelt? Auf was kommt es dabei an?

Für die Entwicklung neuer Lösungen sollten wir stärker auf Agilität und Risikobereitschaft setzen. Agilität ist für Unternehmen überlebenswichtig. Wir mussten uns beispielsweise im März 2020 durch die Pandemie sehr schnell auf die neue Situation mit ausfallenden Messen einstellen. Den Kopf in den Sand zu stecken, war keine Option. Wir sind neue Wege in der Vermarktung gegangen. Daraus entstand innerhalb weniger Tage die Idee für unser virtuelles Event im April. Was sollte uns denn passieren? Das schlimmste wäre ja gewesen, dass niemand dieses Angebot nutzt. Aber wir wurden von der positiven Resonanz überwältigt. Wir haben als Team Mut bewiesen. Und dieser Mut hat uns einen großen Erfolg beschert. Darauf wollen wir weiterhin setzen.

Und die Risikobereitschaft?

Risiko – das hat immer etwas Gefährliches. Das ist es aber nicht. Risikobereitschaft heißt einfach nur, dass wir Risiken bewerten und einschätzen lernen. Fehler sind gut, denn aus ihnen kann man lernen. Ich habe das bei meinen eigenen Kindern erlebt. Als Kind lernen sie unglaublich schnell. Sie fallen dafür aber auch unglaublich oft hin. Kinder geben aber nicht auf. Sie stehen sofort wieder auf und versuchen es noch einmal. Der Mut, Dinge zu versuchen, die mit Risiken behaftet sind, sollte uns leiten. Dafür gibt es bereits viele Beispiele aus unserem Technologiebereich. Hier gehen wir mit unseren strategischen Inkubationsprogrammen (SIP) neue Wege. Und es zeigt sich, wie viel in kurzer Zeit entstehen kann. Auch unser Kernthema – die Sensorik – gehen wir mutig an. Denn hier geht es nicht immer nur um den nächsten technischen Fortschritt, sondern auch um die Frage, wie wir so einfach und kostengünstig wie möglich dieselben Mehrwerte für unseren Kunden bieten können.

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Balluff setzt für das Innovationsmanagement auf Geschwindigkeit und konsequente Kundenorientierung.

Wie stellen Sie die Anforderungen des Kunden in den Mittelpunkt?

Es ist ziemlich einfach: fragen. Wer außer unseren Kunden soll uns denn sagen, ob unsere Lösungen etwas bringen oder nicht? Meistens sind sie sehr auskunftsfreudig. Dieses schnelle Feedback hilft uns, den Kundenfokus zu halten. Der Plural steckt ja hier bereits im Wortstamm. Deshalb beziehen wir Kunden global ein und fragen nicht nur die vor unserer Haustüre.

Balluff hat seine Software-Kompetenz in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Welches Ziel verfolgen Sie langfristig damit?

Software ist ein zentraler Bestandteil für gute Automatisierungslösungen. Viele Produkte kommen ohne Software gar nicht mehr aus. Das heißt, unsere Produkte werden immer Software-lastiger. Deshalb müssen wir auch die Art und Weise ändern, wie wir Produkte entwickeln. Denn der große Unterschied zur klassischen Produktentwicklung ist, dass sich Software kontinuierlich weiterentwickelt und nie „fertig“ ist. Dafür muss man Strukturen schaffen, die den Software-Entwicklungsprozess unterstützen. Denn mithilfe der Software sollen die Daten, wenn gewünscht, einfach für übergeordnete Systeme zugänglich sein. So werden aus den Daten wertvolle Informationen, die wir gemeinsam mit unseren Kunden nutzbar machen, analysieren und auf deren Basis Entscheidungen getroffen werden.

Software ist ein zentraler Bestandteil für gute Automatisierungslösungen. Viele Produkte kommen ohne Software gar nicht mehr aus.

Florian Hermle, Geschäftsführer Balluff

Wie ändert sich dadurch die Zusammenarbeit mit Kunden, Partnern und Zulieferern?

In Zukunft werden wir gar nicht mehr so genau differenzieren. Das wird sich von Projekt zu Projekt ändern. In einem Ökosystem sind die Grenzen etwas durchlässiger. Wir müssen auch offen sein, die Chancen nutzen und ganz klar auf Vertrauen setzen.

Glauben Sie, dass Europa beim Thema IIoT abgehängt ist?

Ich glaube nicht, dass der Zug für den Wirtschaftsstandort abgefahren ist, denn hier passiert einfach viel zu viel in sehr kurzer Zeit. Die Amerikaner sind im großen Consumer-Bereich gut: Viele Kunden, große Datenmengen und natürlich auch viel Potenzial, Ineffizienzen zu beseitigen. Wir als Balluff müssen jetzt nicht die nächste Plattform ins Leben rufen, sondern wir sollten unsere Lösungen kompatibel und andockbar machen. Sonst droht uns, als reiner und austauschbarer Komponentenlieferant in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.

Wie hat sich die Zusammenarbeit im Unternehmen verändert?

Die Corona-Pandemie hat auch uns als Unternehmen getroffen und hat uns viele Steine in den Weg gelegt. Aber die Krise hat uns in manchen Bereichen auch einen Schub gegeben. Wir waren gezwungen, uns anzupassen und Dinge anzugehen, die wir aus Bequemlichkeit und Gewohnheit nie angegangen wären.

Wie nehmen Sie persönlich die aktuelle Situation als Führungskraft war?

Ich bin gern unter Menschen. Und unterstelle deshalb vielen Führungskräften auch eine grundsätzliche Menschenliebe. So bin ich als Typ. Führung wird auch hier anspruchsvoller. Da habe ich auch selbst viel gelernt. Beispielsweise bei dem Thema Homeoffice mit kranken Kindern zuhause. Früher konnte ich mir nicht vorstellen, dass das produktiv funktioniert. Seit März 2020 wurde ich da eines Besseren belehrt. Es ist vielleicht anspruchsvoller und es bedarf etwas mehr Gelassenheit und auch Toleranz. Aber das Verständnis bei den Kolleginnen und Kollegen ist da.

Wie wird das Unternehmen Balluff 2031 dastehen?

2031 fällt es mir schwer, mich im Detail daran zu erinnern, wie es war, als wir die Marke von einer Milliarde Umsatz durchbrochen haben. Da wir bereits lange an den nächsten Zielen arbeiten. Unsere Softwarelösungen und Machine-Vision-Produkte in Verbindung mit unserem Kerngeschäft lösen die anspruchsvollen Anforderungen unserer Kunden und unterstützen sie dabei, ihre Wettbewerbsfähigkeit noch weiter zu steigern. Es hat sich aber auch sonst viel verändert: Jedes Quartal gibt es ein globales Townhall-Meeting und alle 5.000 Mitarbeitenden sind dabei. Wir haben unglaublich viele internationale Teams, die virtuell an großen Projekten arbeiten, denn wir sind eine echte Global Company.

Um diese Vision zu erreichen, sollten wir neugierig und interessiert an den Wünschen unserer Kunden bleiben – und diese als globales Team innovativ umsetzten. Wir dürfen stolz sein auf das Erreichte, können uns aber nicht zufrieden zurücklehnen, sondern müssen immer hungrig für Neues sein.

„Wir dürfen stolz sein auf das Erreichte, können uns aber nicht zufrieden zurücklehnen, sondern müssen immer hungrig für Neues sein.“

Florian Hermle, Geschäftsführer Balluff
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