„Das Team ist die Veränderung mit Offenheit und Engagement angegangen.“

Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle spricht im Interview über die Auswirkungen der Pandemie, neue Arbeitsweisen und ein starkes Balluff-Team.

Sie sind seit rund zehn Jahren Geschäftsführerin von Balluff. Wie würden Sie diese Zeit beschreiben?

Das waren sehr unterschiedliche Jahre – ein echter Spannungsbogen. Mein Bruder und ich sind im Anschluss an die Finanzkrise in die Geschäftsführung eingetreten – durch die Krise selbst hatte noch mein Vater das Unternehmen geführt. In den darauffolgenden Jahren gab es eine sehr positive wirtschaftliche Entwicklung: Wir haben den Umsatz seit 2009 mehr als verdoppeln können und die Balluff-Familie ist global gewachsen. Für uns, die vierte Generation der Geschäftsführung, bedeutete es vor allem, dieses Wachstum zu steuern und zu festigen. Das hat viel Freude gemacht, denn man sieht schnell positive Ergebnisse. Aber Führen in Wachstumszeiten ist etwas anderes als Führen in fordernden Zeiten. In den letzten anderthalb Jahre mussten wir mit einer wirtschaftlichen Rezession und der Covid-19 Pandemie als Unternehmen umgehen. Das war und ist eine große Herausforderung für uns.

Balluff muss nicht nur mit Covid-19 umgehen. Hinzu kommt mit der Digitalisierung ein umfassender Transformationsprozess. Und dazu noch eine neue Aufstellung in der Geschäftsführung.

Das stimmt. In dieser Zeit spüre ich die Verantwortung für die gesamte Balluff-Gruppe sehr. Als Führungsteam haben uns im letzten Jahr die unterschiedlichsten Themen beschäftigt – ohne dass wir alle Themen selbst auf die Agenda gesetzt hätten, die Pandemie kam ja „einfach so“. Sich dem zu stellen und die besten Lösungen für Balluff zu finden – damit wir da gemeinsam wieder rauskommen – das war schon echt eine Herausforderung. Positiv formuliert: Da haben wir uns alle sehr schnell weiterentwickelt.

Wie war es für Sie, mit Michael Unger einen langjährigen Geschäftsführungspartner zu verabschieden und gleichzeitig unter Pandemiebedingungen ein neues Geschäftsführungstrio zu bilden?

Der Wechsel war lange geplant – unter welchen Bedingungen er stattfinden würde, wussten wir zum Glück im Vorhinein nicht. Tatsächlich war die Verabschiedung von Herrn Unger im Februar 2020 die letzte größere Veranstaltung – danach kam Corona und es ist so viel passiert, was wir nicht für möglich gehalten hätten. Frank Nonnenmann hatte vier Wochen Zeit zur Akklimatisierung im Büro – danach haben wir alle mobil gearbeitet. Insgesamt ist der Einstieg sicher anders gelaufen, als wir uns das vorgestellt hatten. Aber es hat gut funktioniert. Wir harmonieren gut miteinander. Und vor allem hatten wir immer gemeinsam den Anspruch, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Orientierung zu geben in diesen für uns alle herausfordernden Zeiten.

Letztendlich war Herr Unger als Beirat ja auch nicht ganz aus der Welt.

Genau. Bei den schwierigen Entscheidungen im letzten Jahr war der Beirat eine große Stütze. Ein Gremium zu haben, das von außen – mit einer gewissen Distanz – noch einmal die Entscheidungen bewertet und die eigene Erfahrung einfließen lässt, Rückmeldung gibt und uns auch bestätigt – das hilft noch einmal ganz anders die Dinge zu reflektieren.

Balluff ist ein Familienunternehmen. Was bedeutet das für Sie?

Der Vorteil eines Familienunternehmens gegenüber Unternehmen, die an der Börse notiert sind, liegt für mich vor allem im Aspekt der Nachhaltigkeit und damit Langfristigkeit, mit dem man Entscheidungen treffen kann. Wir sind keinen Investoren verpflichtet. Wir haben mehr Entscheidungsfreiheit und können Dinge anders angehen. Aus meiner Sicht betrifft das auch die Mitarbeiter. Bei uns entscheidet die Mannschaft über Erfolg oder Nicht-Erfolg. Wir sind, wie ich finde, eine besondere Mannschaft – eine, mit einem besonders starken Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist das Eine, das auf ein Plakat zu schreiben – oder dieses Gefühl selbst in schwierigen Situationen wirklich zu spüren.

„Wir sind, wie ich finde, eine besondere Mannschaft – eine, mit einem besonders starken Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist das Eine, das auf ein Plakat zu schreiben – oder dieses Gefühl selbst in schwierigen Situationen wirklich zu spüren.“

Katrin Stegmaier-Hermle, Geschäftsführerin bei BALLUFF

Die Unternehmenskultur von Balluff wird von Werten geleitet. Wie sehr sind diese im Unternehmen verankert? Wo spürt man, dass die Werte gelebt werden?

Die Werte geben uns Rückhalt. Das gesamte Team bei Balluff ist mit großer Offenheit und viel Engagement die Veränderungen, die auch von außen kamen, angegangen. Sie haben Verantwortung übernommen. Vollkommen mobil zu arbeiten, den ganzen Tag in Videokonferenzen zu verbringen – das war neu. Hinzu kommt: In Hochzeiten der Pandemie hatten wir eher ein „mobiles Arbeiten plus“ – so nenne ich das. Das Plus bedeutet: Homeschooling, Kinderbetreuung, … Es kam durchaus vor, dass Kinder während Meetings die Aufmerksamkeit ihrer Eltern gebraucht haben. In so einer Situation muss man flexibel und gelassen sein und sagen: Dann hören wir jetzt auf, wir lösen das anders. Das gehört in solchen Zeiten eben dazu. Sich darauf einlassen und das Beste draus machen – darauf kommt es an.

Corona hat die Zusammenarbeit ziemlich auf den Kopf gestellt. Welchen Einfluss haben diese Erfahrungen auf die künftige Arbeitsweise bei Balluff?

Wir haben davor schon die Weichen für mobiles Arbeiten gestellt und stellenweise auch schon mobil gearbeitet. Ich selbst habe das zum Beispiel von Anfang an gemacht – anders wäre es mit meinen beiden Töchtern gar nicht gegangen. Die Pandemie hat uns einmal mehr gezeigt, dass das mobile Arbeiten funktioniert. Einen großen Vorteil sehe ich für Balluff als globales Unternehmen darin, dass viele internationale Kollege jetzt näher dran sind als zuvor. Alle sind in derselben Situation: Jeder sitzt vor seinem Laptop. Dadurch ist die Kommunikation leichter und der Austausch intensiver geworden. Auch die Erkenntnis, dass man nicht immer reisen muss, halte ich für wertvoll. Natürlich trifft man gerne die Kollegen vor Ort. Aber die Anstrengung, für ein zweistündiges Meeting zwei Tage unterwegs zu sein, ist nicht von der Hand zu weisen. Da können wir auch anders gute Lösungen schaffen. Dann muss ich zwar mal frühmorgens oder später am Abend am Rechner sein – aber dafür kann ich anschließend den Rechner runterfahren und den Sohn vom Fußballtraining abholen. Natürlich gehören Reisen auch weiterhin dazu. Eine gute Mischung aus beidem ist sinnvoll.

Gibt es ein Beispiel, wie diese Erfahrungen in zukünftige Planung einfließen?

Ja, unseren Neubau in Neuhausen. Einerseits zeigen wir mit dem Baubeginn dieses Jahr deutlich, dass sich am Bekenntnis zum Standort Neuhausen und an unserem Anspruch für unsere Mannschaft moderne Arbeitswelten zu haben nichts geändert hat – auch hier gestalten wir die Zukunft von Balluff. Gleichzeitig gibt es die Rückmeldung der Mitarbeiter, dass sie sich vorstellen können, auch nach Corona einige Tage die Woche mobil zu arbeiten. Natürlich freuen wir uns alle wieder auf ein Mehr an sozialen Kontakten im Unternehmen. Trotzdem bedeutet für viele mobiles Arbeiten mittlerweile auch ein mehr an Flexibilität. Vermeiden möchten wir, dass am Ende Plätze – und dann auch ganze Gebäude – ständig leer stehen. Das wäre nicht sinnvoll und auch im Sinne des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit nicht vertretbar. Auch hier braucht es also eine gute Mischung.

Außer dem Umdenken bei traditionellen Arbeitsweisen – was führt Balluff langfristig zum Erfolg?

Wir haben viele gute Ideen. Über die sollten wir nicht nur sprechen, sondern sie auch umsetzen. Den Erfolg, den diese Ideen versprechen, den müssen wir konsequent abholen und einfahren! Da könnten wir meiner Meinung nach selbstbewusster werden, sonst bleiben wir hinter unseren Möglichkeiten zurück.

Wir haben viele gute Ideen. Den Erfolg, den diese Ideen versprechen, den müssen wir konsequent abholen und einfahren!

Katrin Stegmaier-Hermle, Geschäftsführerin bei BALLUFF

Außerdem müssen wir Veränderungen konsequent umsetzen – damit tut man sich nicht immer leicht, das ist menschlich. Aber man kann das üben. Momentan zeigt sich ja sehr deutlich, was alles möglich ist. Veränderungsbereitschaft in wirtschaftlich guten Zeiten einzufordern, ist schwieriger. Dabei sollte man seinem Umfeld gegenüber achtsam sein und auf darauf reagieren. Sonst droht man, den Anschluss zu verlieren. Ich habe mir deshalb zum Ziel gesetzt, diese Botschaft stärker zu vermitteln. Konkret zu fragen: Was braucht es dafür, dass wir dahinkommen und wie machen wir das? Mehr Konsequenz in der Umsetzung – das ist für mich ein entscheidender Erfolgsfaktor.

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